Im zweiten Teil meiner Miniserie über die Freien Energiestädte und das Bestreben der Städte hier im Allgäu, unabhängig von Ol und Gas zu werde berichte ich über die Bestrebungen in Isny, einem sonnigen Ort im Dreiländereck, etwa 40 Kilometer vom Bodensee entfernt.
Warum interessiert sich ein Klimaforscher des Instituts für Umweltphysik in Heidelberg ausgerechnet für die Energiewende in Isny, einer Stadt im Allgäu, die etwa 35 Kilometer vom Bodensee entfernt direkt an der an der Hauptroute der Oberschwäbischen Barockstraße liegt?
Der Mann muss eine besondere Beziehung zu der Stadt und ihren 14.500 Einwohnern haben: Professor Dr. Klaus Pfeilsticker ist in Isny aufgewachsen und wenn er nicht gerade in Heidelberg, auf Flughäfen oder sonst wo unterwegs ist, kommt er immer wieder zurück nach Isny, um hier aufzutanken.
Schließlich weist Isny eine geografisch und klimatisch herausragende Lage aus: Direkt vor Isny baut sich der 1118 Meter hohe Adelegg-Berg auf und beschert Isny eine Stauwetterlage, die zwar mitunter kurze und heftige Regenfälle bringt, aber ansonsten Isny weitgehend nebelfrei hält. Sonnig ist es hier. Durchschnittlich 2000 Sonnenstunden pro Jahr.
Im Oktober 2007 hielt Pfeilsticker im Rathaus Isny einen Vortrag, in dem er einen ersten Plan für die energieautarke Stadt skizzierte. Er wollte seine Erfahrungen und Ideen als Klimaforscher im Mikrokosmos Isny einbringen und hier etwas bewegen. Ein halbes Jahr später fand der 1. Isnyer Energiegipfel statt, auf dem Pfeilsticker seine Botschaft schon klar formulierte: Die Stadt solle weitgehend energieautark werden und zwar möglichst schnell. Das saß. Er konnte die Herzen der Isnyer gewinnen, schnell bildeten sich sieben Arbeitsgruppen, die Maßnahmen in verschiedenen Bereichen der erneuerbaren Energien entwickelten.
Im November 2008 entstand aus der “Grass Roots”-Initiative von Pfeilsticker ein eingetragener Verein, das “Regionale Energieforum – REFI” mit dem Vorsitzenden Manfred Behrning, ehemaliger Bürgermeister der Stadt Isny.
Energieforum Isny – Bürger mobilisieren, Gruppen formieren
Der 2. Energiegipfel im Februar 2009 sollte nicht nur Visionen aufzeigen, sondern auch konkrete Maßnahmen zur Energiewende vorstellen. Pfeilsticker rechnete beim zweiten Energieforum vor, dass der Umstieg für den stationären Energiebedarf lokal machbar durch Energiesparen und den Einsatz von erneuerbaren Energien sei — und das ohne Mehrkosten und ohne staatliche Investitionen. Die Stadt Isny und deren Bewohner benötigen im Jahr etwa 95,5 Millionen kWh Strom und für die Wärmeerzeugung 227 Millionen kWh.
In verschiedenen Hochrechnungen zeigte Pfeilsticker, dass der Umstieg auf eine Energieversorgung, die ohne fossile Brennstoffe auskommt, als erstes Energie eingespart werden muss: insbesondere im Bereich der häuslichen Wärmenutzung, die durch Neubauten und Sanierungen reduziert werden muss (Pfeilsticker berechnet hier in seinem Modell eine mögliche Energieeinsparung von 50 Prozent bei Wohngebäuden ein) und in der Stromversorgung für die Beleuchtung , Kraftstrom und Heizung (-20 %). Strom für Isny soll dann durch einen Mix aus Photovoltaik (20%), Wind (25%), Kraft-Wärme-Kopplungsanlage Holz (25%), KWK Biogas (14,4%), Hydroenergie (1,1%) und regenerative Energiezufuhr der EnBW (14,5%) erzeugt werden.
Wissenschaflich ermittelter Energiemix
Die Wärme soll nach Plänen von Pfeilsticker aus Solarthermischen Anlagen (7%), KWK Biogas (7%) und KWK Holz (35%) generiert werden – also alles regional erzeugt, ohne Abhängigkeiten von russischen Gas- und Öllieferungen. In einer anderen Berechnung kalkuliert Pfeilsticker ein Szenario, das auch den Verkehr, den Einsatz von elektrischen Autos, mit einbezieht.
Pfeilsticker hat schon einiges an Vorarbeit geleistet. Er hat analysiert, welche erneuerbaren Energien in Isny sinnvollen wären, welche Maßnahmen und Kosten auf die Isnyer Bürger zukommen würden und vor allem welche Chancen ein solcher Umstieg auf eine lokale Energieversorgung für die Stadt bringen würden. Das Geld für die Energie würde dann nicht mehr ins Ausland fließen, sondern die lokale Energiewirtschaft ankurbeln. Pfeilsticker rechnet mit einem Marktpotenzial von derzeit etwa 33 Millionen Euro im Jahr – viel Potenzial für findige Ideen und Lösungen. Gleichzeitig würde sich die Preissicherheit erhöhen, von der erhöhten Luftqualität durch die Maßnahmen würde auch der lokale Tourismus profitieren.
In Isny berechnen Schüler freie Dachflächen
Von der Energiewende haben vor allem unsere Kinder und Enkelkinder etwas: weniger Unabhängigkeiten, gute Lebensqualität, Sicherheit. Doch schon jetzt kann die junge Generation mitmachen. Das dachte sich auch David Amann, Lehrer am Isnyer Gymnasium. Amann diskutierte die Ergebnisse des 1. Energiegipfels mit seinen Schülern und er motivierte seine Schüler dazu, die Thesen von Pfeilsticker in der Praxis zu überprüfen: Stimmt die Annahme Pfeilstickers, dass PV-Anlagen in Isny 30 MW oder mehr Leistung bringen? Wie soll man das nachprüfen? Am besten schaut man sich jedes Dach an und beurteilt, ob sich das Dach für PV-Anlagen eignet und wie viel Leistung das Dach bringen könnte. Ein ambitioniertes Projekt, aber mit modernen Mitteln machbar. Die Schüler schauten sich anhand der Google Map von Isny alle Häuser aus der Vogelperspektive an und unterteilten die Dächer in “gute”, “nicht so gute” und “weniger gut geeignete Dächer”.
Die guten Dächer wurden mit einem grünen Rahmen umrandet und dann anhand Schätzungen der Schüler die potenzielle Gesamtleistung der Dächer berechnet. Die Sisyphusarbeit hat sich gelohnt. Auch die Schüler haben berechnet, dass die Dachflächen Isnys insgesamt 30 MW Leistung bringen könnten. Jetzt fehlen nur noch die PV-Anlagen auf den Dächern. Dabei stellten die Schüler fest, dass vor allem die Firmendächer gut ausgerichtet sind. Die nächsten Schritte sind daher, die Firmen anzuschreiben und ihnen zu erklären, dass sie unter einem Dach sitzen, das nicht nur gute Rendite bringen würde, sondern auch etwas zur Energiezukunft Isnys beitragen könnte. Eine solche Initiative sollte sich doch auch in anderen Gemeinden auf die Beine stellen lassen. Die Schüler bekommen einen konkreten Bezug zur Situation und lernen gleichzeitig auch noch etwas für die Fächer Geografie, Physik, Mathematik und Heimatkunde.
Strom wird lokal erzeugt, dadurch wird es aber nicht unbedingt günstiger
Niemand weiß, welche technologischen Sprünge es noch im Bereich der Erneuerbaren Energien geben wird. Noch sind die erneuerbaren Energien im Vergleich zum günstigen Öl und Gas erheblich teurer, vor allem die PV. Nach den Berechnungen von Prof. Pfeilsticker liegen die Kosten für Energie in Isny bei etwa 4.46 Tausend Euro pro Einwohner und Jahr. 2050 sollen nach seinem Szenario die Kosten zwar etwas höher liegen (4.67 Tausend Euro pro Einwohner und Jahr), obwohl die Kosten für regenerativen Energien weitaus teurer bleiben als die bisherigen Energiekosten. Die Rechnung könnte aufgehen, weil weniger Energie benötigt wird. Gerade deswegen ist es wichtig, zunächst den Energiebedarf zu reduzieren, um dann zu sehen, wie man diesen Bedarf mit erneuerbaren Energien decken kann.
Während in Nachbargemeinden wie in Wangen BürgerEnergiegenossenschaften in Zusammenarbeit mit dem Stromversorger EnBW gegründet wurden, setzt Isny auf eine “Freie Energiegenossenschaft Isny eG”, die unabhängig von Stromanbietern bleiben soll. Mitte Juli 2009 wurde die Energiegenossenschaft gegründet. Die Mindestbeteiligung beträgt 100 Euro, schon jetzt stehen verschiedene Projekte in den Startlöchern. Nun geht der Plan von Pfeilsticker in die nächste Runde, denn die lokalen Experten sind weitgehend im Boot, genug Sonne ist in Isny vorhanden und der Wille zur Energiewende auch.
Nun müssen die Bürger weiter mobilisiert werden.
Weitere Informationen:
>> REFI – Regionalforum Isny
>> Präsentation Energiekonzept Isny von Prof. Dr. Pfeilsticker
In der nächsten Folge geht es um Leutkirch, eine Stadt, die Solarbundesligameister ist und in der überhaupt einiges voran geht – warum wohl? Lesen Sie es demnächst.