Zucker für Medienjunkies

Liebe Kunden: Wer nur auf den Preis schaut, der muss sich nicht wundern, wenn die arme Lebensmittelindustrie in einen gefährlichen Preisdruckstrudel gerät und aus lauter Verzweiflung und Verantwortung für die werten Mitarbeiter die Ware etwas streckt; hier und da günstigere Zutaten dazumischt oder die gesamte Produktion nach Weißrussland verlegt. Ganz klar: die Lebensmittelindustrie ist Opfer. Denn der Markt ist hart umkämpft. Wer nicht mitgeht, zu teuer produziert, der ist bald nicht mehr dabei, Arbeitsplätze (das As sticht immer!) stehen auf dem Spiel. Die Lebensmittelindustrie kann gar nicht anders, sie muss mit. Bei aller Ironie: Schuld sind die Käufer, denn der Pudding für 29 Cent geht natürlich besser weg als der Pudding für 39 Cent. Schmecken Sie den Unterschied? Niemals.

Das heißt: Je mehr wir Käufer auf den Preis achten und billig kaufen, umso mehr Impulse geben wir der Lebensmittelindustrie— wirklich: Die Kunden wollen es immer billiger (und der Hauptkonkurrent ist schon wieder günstiger geworden, weil die Milch neuerdings von rumänischen Kühen kommt. Damit sollen die rumänischen Kühe nicht diskriminiert werden — vielleicht sind dort die Wiesen saftiger, wer weiß das schon). Gerade für Lebensmittel gilt doch: Qualität hat ihren Preis. Andersherum: Auch günstige Lebensmittel können eine hohe Qualität haben — doch zu welchem Preis? Der Pudding ist so günstig, weil pro Tag viele Tausende Puddingbecher mit einer High-Tech-Maschine gefüllt werden. Und weil die Milch dafür zu Dumpingpreisen von den Landwirten abgenommen wird.

Faire Milch — würden Sie wirklich mehr zahlen?

Würde die Milch zu faiiren Preisen regional eingekauft, was würde das für den Preis des Endprodukts bedeuten? Wenn der Pudding nun 49 Cent kostet, aber damit geworben werden könnte, dass “Fair Milk” benutzt wird: Würden Sie ihn dann kaufen oder doch beim Puddingschnäppchen für 29 Cent zuschlagen? Ehrlich, würden Sie wirklich fast 20 Cent mehr bezahlen? Warum eigentlich nicht? Kaufen Sie doch einfach ein paar Becher weniger. Manchmal ist weniger mehr.

Ehrlich. Kunden sind keine Opfer der Lebensmittelindustrie, sondern haben eine Wahl. Wird weniger von dem günstigen Schweinefleisch aus dubiosen Quellen gekauft, dann hat das Konsequenzen — in der Realität finden sich aber dann immer noch genügend Käufer, die keine Wahl haben, denn das Budget ist begrenzt. Hier schlage ich den “weniger, aber besser”-Weg vor: Warum nicht einfach weniger ungesunde und teure Lebensmittel wie Süßigkeiten kaufen und dafür mehr auf die Qualität von Obst, Gemüse Fleisch, einfach auf gehaltvolle Ernährung achten?

Inhalte mit viel Zucker

Und nun kommt der Sprung zur Medienwelt: Auch hier haben wir die Einfluss. Beschweren Sie sich nicht, dass zum Beispiel Spiegel Online immer mehr den Boulevard bedient. Denn es liegt an Ihnen. Und Ihnen. Klicken Sie einfach nicht auf die fünfte aufgewärmte Geschichte über einen B-Schauspieler. Denn wenn wir auf einen solchen Beitrag klicken, dann geben wir nur das Signal “Bitte gebt uns mehr davon, mehr Zucker für die Medienaffen!”. Klicken genügend Surfer, dann hat auch hier der Markt entschieden. Schnell wird eine weitere windige Geschichte nachgelegt und mehr digitalen Müll ins Web gekippt. Leider gibt es zu viele Medienaffen (zugegeben, ich gehöre oft auch dazu).

Es geht nicht um die Geschichte, sondern um die Klicks. Gerne genommen: Twitter. Hmm, was sagt denn die Twitter-Gemeinde dazu? Irgendeine andere Sichtweise — ohne weiteren Nährwert — wird es schon geben. Das ist eine Story! Irgendjemand wird sich schon über den “Kurznachrichtendienst Twitter” (so wurde Twitter kürzlich in der Tagesschau als Quelle genannt) äußern. Noch eine Story! Es findet sich schon ein neuer Aufhänger. Zur Not sagt ein anderer B- oder C-Schauspieler etwas darüber. Oder es gibt einen #Aufschrei. Story, story, story: Hauptsache, der Suchtstoff wird dabei nicht zu sehr verdünnt.

Bloß nicht anklicken — wir bekommen nur mehr Schrott

In der Lebensmittelindustrie wären das wohl die Stapelchips: Einmal geploppt, nie mehr gestoppt. Aber zurück zum Web: Läuft das sechste Aufkochstück nicht mehr so gut, weil auch der letzte Surfer gemerkt hat, dass hier nur noch dünnes Süppchen serviert wird, dann wird auch nicht mehr produziert. Sie haben die Wahl. Klicken Sie schon beim ersten Mal nicht drauf. Okay, zumindest nicht ein zweites Mal.

Fragen Sie sich, warum das Steak so günstig ist und kaufen Sie es nicht. Damit retten Sie auch die arme Lebensmittelindustrie, denn die will sich ja gar in einem Preiskampf zerreiben, sondern Qualität liefern. Wir warten in Hoffnung auf einen Beweis dafür. Das Gleiche gilt auch für die Medienbranche: Qualität hat ihren Preis. Greifen Sie nicht zu schnell zu. Weniger ist mehr. Stopfen Sie nicht zu viel in sich rein, ernähren Sie sich auch medial gehaltvoll.