Visa Fran Utanmyra!

Kurz vor dem Abendessen summt meine Frau ein Lied. Ein freundliches, leicht getragenes Stück; klassisch, aber irgendwie auch jazzig. Das habe ich doch schon mal gehört. Aber wo. Und wann?

Ich denke lange nach, das Essen wird kalt. Ich krame in meinem Gedächtnis, in dem Musik mit einem Ort, einem Gefühl und einer Zeit verknüpft ist. Wenn die Kombination aus Zeit, Ort und Gefühlen übereinstimmt mit der richtigen Musik, dann kann ich selbst Musik von vor 40 Jahren recht exakt mit einem Ort und einem Jahr verbinden. Aber wo kam dieses gesummte Lied her?

Jetzt, etwa 15 Minuten später Einwirkzeit in meinem Langzeitgedächtnis ist es so weit: Meine Frau hat das Lied “Vis Fran Utanmyra” vom leider viel zu früh verstorbenen schwedischen Pianisten Jan Johannsson gesummt. Das Stück ist auf dem ebenfalls wunderbaren Jazz Pa Svenska-Album enthalten. Ja, wer hört denn schon Alben?!

Die Verbindung dazu: Ich hörte das Lied etwa 2008 abends im Auto in Canberra. Ich und meine damals zweijährige Tochter holten meine Frau mit einem damals schon steinalten Subarru Forrester vom Spätdienst ab. Ich schaltete das Radio ein und das Lied lief schon. Ich war sofort begeistert von dieser anmutenden LoFi-Musik, aber in der Abmoderation nannten sie weder den Namen noch den Musiker dazu. Also startete meine Recherche. Dazu schnüffelte ich in verschiedenen Musikläden nach dieser Perle (insbesondere im JB Hifi In Canberra mit seiner riesigen CD-Auswahl). Jetzt kaum vorstellbar summte ich das Lied den Mitarbeitern vor. Hört euch das Lied an, es ist nicht gerade Mainstream. Aber irgendwie fand ich Titel und Interpreten heraus. Ich weiß nicht mehr wie. Manchmal ist der Weg prägnanter als das Ziel.

Klar, ich kaufte die CD gekauft und hörte sie in den folgenden Jahren immer wieder. Vielleicht habe ich dabei auch an diesen völlig normalen Abend und die Autofahrt auf leeren Straßen zum Krankenhaus in Woden gedacht. Vielleicht auch nicht. Ich kann mich nicht mehr erinnern. Das Lied habe ich bestimmt zehn Jahre nicht mehr gehört.

Warum summt meine Frau das Lied? Sie hat es bestimmt nebenbei mal gehört. Aber muss einen anderen Gedächtnisanker dafür haben. Ich habe sie gefragt, woher sie das Lied kennt. Sie sagt: Das ist Ludovico Einaudi. Das ist schon nah dran. Aber der ist tief mit der Geburt meiner ersten Tochter verbunden.

Nun frage ich mich: Wird das jemals mit den Liedern passieren, die ich hier so in Spotify oder in Apple Music nur einmal kurz anspiele, weil die Auswahl so groß und die Zeit zum Mehrmalhören zu kurz ist? Schade. Vielleicht sollten wir bewusster unser musikalisches Gedächtnis aufbauen. So wie die Aboriginals hier in Australien, die Orte und die Wege zu den Orten mit vielen Liedern verbinden und immer wiederfinden, wenn sie das Lied singen. Faszinierend.

Mir reicht es aber gerade dieses wunderschöne Lied zu hören und für eine kurze Weile in eine andere Zeit zurückkatapultiert zu werden. Schwedischer Jazz in Australien. Warum spielen die das auch im Radio? Danke.