Buchnotiz -Vollkasko von Rolf Bläsing

Da ich gerade viel lese, möchte ich die kleine Rubrik „Buchnotizen“ wieder zum Leben erwecken. Das Buch “Vollkasko” von Rolf Bläsing gehört zu den Büchern, die mich etwas verwundert zurücklassen. Nicht, weil das Buch so gut oder so schlecht wäre, sondern weil ich ganz überrascht bin, dass ich es zu Ende gelesen habe. Das Buch ist wie eine Tüte Chips, die man aufreißt und dann alles in kurzer Zeit auffuttert; man sich aber schon während des Hereinstopfens fragt, warum man überhaupt weiter isst. Dann ist die Tüte plötzlich leer. Und das ging schnell. So wie das Lesen des Buches.

Der Protagonist des Buches, Arno Eggental, ist ein recht frustrierter Mann in den 40ern. Er steckt in einer angehenden Midlife-Crisis und wird als einer porträtiert, der in seiner Jugend mit witzigen Sprüchen auffallen wollte, aber nie die erste Rolle spielte. Er führt ein wenig forderndes Mittelklasse-Leben als Bibliothekar. Die Geschichte handelt zwar vom Hier und Jetzt, aber der Autor webt immer wieder Hintergründe aus früher Zeit ein. Vielleicht ein sprachlichen Verflüssigen der Erinnerungen aus der eigenen Kindheit? Eggental hat eine Frau und einen Sohn. Die Frau war mal eine wilde, unangepasste Frau, die sich nun wohlorganisiert in ihrer Bankerkarriere auslebt. Der Sohn ist ein typischer Teenager, der die ganze Zeit in seinem Zimmer hängt, Videogames spielt und sich nur durch kurze Worte und ein knappes Augenbrauenspiel ausdrückt. So einen habe ich auch zuhause.

Wie viele, die in der Mid-Life-Crisis stecken, will auch Eggenthal einen Unterschied machen, für etwas stehen. Und so entscheidet er sich eines Tages dazu, seinen Beitrag zur Klimakrise zu leisten, will mit gutem Beispiel voranzugehen. Er ist leidenschaftlicher Radfahrer und so entschließt er sich, ein Jahr lang nicht mehr in ein Auto zu steigen, sondern alles mit dem Fahrrad zu schaffen. Aber das ist nicht einfach. Er wohnt mit seiner Familie in einem kleinen Dorf und arbeitet in einer größeren Stadt. Also muss er jeden Morgen mit dem Fahrrad erst einmal zum Bahnhof im nächstgrößeren Ort fahren und dann dort in den Zug einsteigen und zur Arbeit laufen. Auch die großen Einkäufe erledigt er mit dem Fahrrad und er ist bei Wind und Wetter unterwegs.

Aus diesem Plot könnte sich nun eine spannende Geschichte entfalten können. Als Leser würde ich hoffen, dass ihm nun einige Dinge passieren, die ihn zum Umdenken zwingen, ihn in Konflikte treiben, zu einer wertvollen Erkenntnis bringen und letztendlich aus der Krise herauskatapultieren. Stattdessen passiert auf den nächsten Seiten nicht viel weltbewegendes: er fährt mit seinem Fahrrad durch Wind und Wetter, sammelt Pendlererlebnisse in der Bahn, einmal fällt er in Schnee, ein anderes Mal wird er fast von einem Hund gebissen. Aber er kommt immer durch. Er ist immer „the kid that go away“. Ich weiß nicht, ob das so geplant ist, aber Im Verlauf des Buchs wird mir Eggenthal immer unsympathischer; weil er so idiotisch konsequent ist und dabei seine Ehe merklich in die Schieflage schiebt. Er scheint keine emotionalen Signale zu verstehen, will nur sein Ding durchziehen.

Seine Frau findet die Idee überhaupt nicht gut, aber sehr lange lässt sie ihn gewähren. Jede andere hätte ihn schon längst zum Mond geschossen. Wohin soll das führen? Wahrscheinlich in die Scheidung. Meine Kinder würden sagen, dass Eggenthal „cringe“ ist. Er ist peinlich, man kann kaum aushalten wie er sich benimmt. Und es wird immer schlimmer, fremdschämender. Vielleicht liegt darin die Faszination des Buches. Wie in der Tüte Chips.

Um die Geschichte etwas spannender zu machen, wird schon recht früh eine weitere Frau eingeführt, Annette Felber. Das ist seine Jugendliebe und er fragt sich die ganze Zeit, wie es wohl gewesen wäre, wenn er nicht mit seiner jetzigen Frau, sondern eben mit dieser Jugendliebe zusammen wäre. Endlich trifft er sie im echten Leben. Es knistert, er übernachtet mit ihr sogar in einem Zelt. Sie versteht ihn und er fühlt sich geschmeichelt. Was jetzt? Reitet er mit Annette in ein neues Leben, gibt es etwa doch noch einen Plot-Twist auf den letzten Seiten?

Als er morgens nach Hause kommt, knallt es. Seine Frau haut ab und hinterlässt ihm einen Zettel. Auf dem steht: Wenn dir unsere Ehe noch etwas wert ist, komme zu einem bestimmten Steg an einem See, der etwa 500 Kilometer entfernt ist. Steigt Eggenthal nun in ein Auto, weil die Zeit knapp ist? Nein, er bleibt stur. Also macht er sich mit dem Fahrrad und der Bahn auf den Weg. Natürlich schafft er es gerade noch. Sie sitzt am Steg und alles ist gut. Irgendwie hätte ich ihm gegönnt, dass er zu spät kommt. Dann ist das Buch zuende, die Tüte leer. Hmmm.

Meine „Take-home-message” aus dem Buch: Ich kann mich gut mit Eggenthal identifizieren, zumindest zu Beginn. Aber aus eigener Erfahrung weiß ich, dass egoistische Midlife-Crisis-Projekte ohne Kompromisse einzugehen nie etwas bringen. Wer es dennoch versucht, muss zahlen. Nur Eggenthal kommt ungeschoren durch. Eigentlich ungerecht.

Die Buchnotizen schreibe ich nur für mich. Deswegen lesen sie sich vielleicht etwas kryptisch. Lies es doch einfach selbst. Weitere Buchnotizen findest du hier.