Das Problem ist nicht die Arbeitslosigkeit

Ich arbeite gerade in einem Unternehmen in einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld. Seit einiger Zeit ist klar: Mithalten geht nur noch mit KI. Und gesehen wird sie vor allem als Kosten- und Effizienzhebel. Es werden Menschen entlassen. Ob das an der Benzinkrise liegt oder fast schon ein willkommener Anlass ist, die rauszubekommen, die nicht KI-affin sind — wer weiß.

Auch bei uns im Marketing geht es um Angst. Jeder klammert sich an Claude Code und automatisiert, was das Zeug hält. Das Interessante: Die Kollegen bleiben nicht auf ihrer Bahn und optimieren erst mal tief ihr eigenes Thema. Sie schauen in die angrenzenden Felder und wildern darin.

Und da spüre ich einen Widerstand. Wenn mein junger Kollege nicht nur die Inhalte für einen Blog erstellt, sondern gleich die Content-Strategie dazu — die eigentlich von mir kommen sollte —, dann macht er das jetzt mit Claude Code. Kann er ja. Oder? Ich würde die Konzeption wahrscheinlich auch per Claude Code machen. Noch, denke ich, liegt der Unterschied in dem, was ich vorne reingebe und was hinten rauskommt.

Der Blindtest

Meine Strategie basiert auf Erfahrung und Fingerspitzengefühl. Hat ein anderer vielleicht nicht. Aber macht man einen Blindtest zwischen seiner und meiner und legt ihn dem Head of Marketing oder dem CEO vor — ich glaube, das macht keinen Unterschied mehr. Seine ist genauso schön ausformuliert. Nur weniger durchdacht.

Die Entscheider wissen meistens selbst nicht so viel und gehen lieber auf das Offensichtliche. Und da ist die generischere Variante einfacher und schneller zu verstehen. Also ist die Content-Strategie weg. Es sei denn, es gibt einen Menschen mit klarer Verantwortung, der den Rahmen vorgibt, Skills und Guidelines aufbaut, die wieder in Claude Code wandern, damit jeder Zugriff hat. Sonst ist diese Stelle tot.

Das gilt für alle Tiefenexperten. Wer sein Wissen jetzt in Dokumente packt, die sich einfach in Workflows übersetzen lassen, merkt, dass der angesammelte Wert nicht mehr wertvoll genug ist. Also überlegt er, wie viel er überhaupt dokumentiert. Oder ob er ein Schattensystem behält, das er mitnimmt — weil dieses Wissen noch nicht in den LLMs sitzt.

Denn es geht nicht um das Wissen. Es geht um das Anwenden, um den richtigen Weg. Auch die AI-Experten teilen ihre Tricks, Skills und mühsam gebauten Agenten bald nicht mehr so freizügig. Weil die anderen einfach darauf aufsetzen, weiteroptimieren — und dann bist du draußen.

Mehr verhasst als die Controller

Die ganze Zeit, die die AI-Experten in den letzten zwei, drei Jahren investiert haben, kann innerhalb weniger Wochen von anderen aufgefressen werden. Von Leuten, die viel weniger wissen, aber die Tools einigermaßen beherrschen. Was heißt das für uns? Wer jetzt noch nicht mit KI arbeitet, kommt schneller ran, als er denkt. 80 Prozent reichen. Wer aber lange dabei ist und viel Zeit und Geld investiert hat, muss weiterziehen.

Ich kann mir vorstellen, dass die guten AI-Leute von Unternehmen zu Unternehmen ziehen und in einem halben Jahr automatisieren, was möglich ist. Sie werden noch verhasster sein als die Controller. Weil sie zusammen mit CEO und Controller das Unternehmen wettbewerbsfähig machen — und ihm gleichzeitig Herz und Seele herausreißen. Weil Menschen entlassen werden, die für die Kultur wichtig sind. Einfach weil sie da sind. Und jetzt durch eine kühle metrische Betrachtung ausradiert werden.

Spannende Zeiten.

Und die, die jetzt erst einsteigen und von null auf hundert eine Rakete zünden — was wirklich einfach ist —, werden merken, dass sie nur noch Ausführende sind. Wenn der Chef das merkt, denkt er schnell: Warum bezahle ich die vielen Menschen vor dem Bildschirm, wenn ein Bruchteil reicht, damit sie nicht mehr da sind? Eine schmale Gratwanderung. Denn wenn dann etwas passiert und man kreative Impulse braucht, bekommt man sie nicht — man muss sie erst aus den Modellen herausfragen.

Das Problem der künstlichen Intelligenz ist also nicht die Arbeitslosigkeit. Es ist das De-Skilling. Weil die, die jetzt kommen, alles schnell machen müssen und nie die Zeit haben, überhaupt etwas zu lernen. Sie geben einfach alles in Claude oder Gemini ein.