Frag nicht den Reiner, frag Claude

Noch vor kurzem hieß es: Frag doch den Reiner, der kennt sich mit künstlicher Intelligenz gut aus, der hilft dir weiter. Mittlerweile heißt es nicht mehr „frag den Reiner", sondern „frag Claude". Claude weiß alles.

Und was passiert? Leute, die weniger wissen als ich und noch viel weniger als Claude, fragen nicht mehr mich, sondern eben das allwissende Claude.

Bei mir läuten da die Alarmglocken. Denn natürlich weiß Claude immer eine Antwort. Und wahrscheinlich ist sie anders als meine. Meine Antwort ist nämlich keine technische Lösung, sondern besteht aus Gegenfragen. Manchmal kommen auch die berühmt-berüchtigten „rheinischen Gegenfragen“ zur Anwendung (die gehen so: Wenn jemand einen Rheinländer fragt, wie das Wetter wird, dann ist die Gegenfrage: Wie das Wetter wird? Natürlich kommt dann auch gleich die Antwort: Gut wird das Wetter, natürlich! Rheinländer brauchen immer ein paar Worte mehr). Vor allem aber kommen von mir Fragen, die sich jeder erst einmal selbst stellen sollte, bevor er überhaupt Claude fragt.

Das heißt: Die AI-Experten, die das ganze Unternehmen dahin gebracht haben, wo es jetzt steht, werden als Erste aufgefressen. Weil die, die entscheiden und selbst noch nicht so weit sind, gar nicht verstehen, wie wichtig jemand ist, der verzweifelt versucht, den Überblick zu behalten.

Die große Nivellierungsmaschine

Interessanterweise sehe ich deshalb, dass immer mehr Pioniere das Feld verlassen. Sie merken, dass gerade eine große, mächtige Nivellierungsmaschine alles plattwalzt und kaum noch Platz lässt, sich zu differenzieren. Jeder kommt jetzt mit irgendeiner Lösung. Und es ist unglaublich anstrengend, fast unmöglich, zwei komplexe und komplizierte KI-Lösungen miteinander zu vergleichen.

Natürlich könnte man dafür wieder AI benutzen. Aber wenn mein Kollege etwas in die Maschine wirft, ohne groß nachzudenken, und etwas wunderbar Schönes herausbekommt, das anscheinend sogar läuft — dann muss ich mich als AI-Experte gar nicht dagegenstellen. Ich kann einfach sagen: Okay, bring es mal in die Produktion. Weg von deinem Computer, auf einen Server. Und schau, dass es nicht nur jetzt funktioniert, sondern auch noch nächste Woche. Dann sieht die Sache wieder anders aus.

Als AI-Experte im Marketing kann man da allerdings kaum noch punkten. Klar, man könnte von Unternehmen zu Unternehmen hopsen, um auch die auf einen höheren Stand zu bringen. Aber mit jedem Kunden, den man schon bald wieder verlässt, hat man einen weniger. Und in der Zeit, in der man das macht, sind die anderen längst selbst so weit. Die Differenzierung muss also woanders stattfinden. Nur wo?