Mit KI kann man ja inzwischen alles bauen. Und es ist schon erstaunlich, was die Leute damit anstellen. Ich sehe gerade drei Typen von Menschen: Die ersten bauen Texte. Sie lassen schreiben, lassen verbessern — zumindest das, was sie für verbesserungswürdig halten.
Die zweiten sind Coder, mittlerweile ist es ja schon fast egal, ob sie „richtige Coder“ oder nur „Vibe-Coder“ sind. Das ist mittlerweile ja auch überholt. Wer ohne AI programmiert, stirbt aus. Und wer mittlerweile überwiegend mit AI programmiert, hat schon längst die Kontrolle über seinen Code (und manche auch die Kontrolle über ihr eigenes Leben) verloren. Wie auch immer, es entstehen mehr oder weniger komplizierte Programme, die auf dem eigenen Rechner laufen. Ein paar davon schaffen es bis in die Produktion, auf einen echten Server. Doch das sind deutlich weniger. Denn in dem Moment, wo der Code vom eigenen Rechner in die Produktion wandert, wird alles komplizierter, und plötzlich läuft nichts mehr so, wie man es will.
Und dann die dritte Gruppe, die täglich größer wird. Das sind diejenigen, die sich kleine Dashboards bauen und gerade versuchen, ihr ganzes komplexes Arbeitsleben in eine einzige Oberfläche zu komprimieren, ein Dashboard nach dem nächsten bauen.
Und keiner macht etwas
Ich sehe das in meinem Unternehmen. In kürzester Zeit haben meine Kollegen die Magie der bunten Dashboards erfasst. Powerpoints? Nö, lass uns doch gemeinsam auf ein Dashboard schauen. Und nun sitze ich in Meetings, die immer länger werden, in denen wir uns auf komplizierten Dashboards mit ganz kleinen Zahlen immer granularere Daten ansehen, alles Mögliche diskutieren und daraus hundert Maßnahmen ableiten. Die wir am Ende alle nicht machen.
Die Dashboards geben uns Transparenz. Viel zu viel davon. Und wir tun nichts.
Erst dachte ich, dass sich alle, die ein Dashboard bauen, als Erste verabschieden müssen. Weil ja jeder ein Dashboard angucken kann und man niemanden dafür bezahlt, stundenlang in ein Dashboard auf dem Computer zu starren. Aber scheinbar liege ich falsch. Denn momentan halten sich die Dashboarder, so nenne ich sie mal hier, ganz gut. Sie haben sich nämlich zu den Verstehern ihrer eigenen Dashboards gemausert. Und weil sich die Daten immer tiefer aufschlüsseln lassen und das natürlich erklärt werden muss - und auf dieser tiefen Ebene eigentlich niemand mehr versteht, warum wir uns das nun auch noch angucken müssen, ist gerade die große Stunde der Dashboarder gekommen.
Aber so richtig sehe ich den Wert der Dashboarder noch nicht. Verglichen mit denen, die mit KI wirklich arbeiten, die echten Output und Outcome erzeugen, tragen die Dashboarder recht wenig bei. Sie sind bei Präsentationen gefragt und ab und zu mal ad-hoc. Aber Claude könnte das wahrscheinlich genauso gut (besser!) aufschlüsseln.
Die Dashboards sind da. Die Dashboarder sollten sich ihrer Sache nicht so sicher sein, sondern ebenfalls ins Machen kommen. Denn schon bald versteht der Chef, dass es nicht um das Dashboard geht, sondern um die Entscheidung, die in den Zahlen steckt.
Interessant finde ich auch, was mit den ganzen Datenanalysten passiert. Jahrelang waren sie extrem wichtig für die Unternehmen, haben die ganze Daten-Infrastruktur gebaut, auf die nun jeder mit einem Klick zugreifen und ein weiteres Dashboard bauen kann. Und plötzlich scheinen Datenanalysten ebenfalls überflüssig? Das finde ich recht kurzsichtig. Denn ein Analyst schaut halt anders auf die Daten als ein Marketing-Mensch. Es braucht beide Sichtweisen für die besten Entscheidungen.
Bis es spannend wird
Wie auch immer. Ich wollte nur loswerden, dass mich dieses Dashboard-Gucke nervt. Es bringt nichts. Die Diskussionen hören nämlich immer genau dann auf, wenn es spannend wird. Wie gestern. Wir haben wieder eine Stunde lang durch verschiedene Ebenen von Dashboards geklickt. Mitgeschrieben hat natürlich keiner. Gefühlt haben wir über hundert Maßnahmen gesprochen. Was mir fehlt ist eine Diskussion, welche der Maßnahmen denn den höchsten „bang for the buck“ bringt. Wir scheinen erschlagen von den schönen Möglichkeiten, trauen uns keine Entscheidung mehr zu. Weil: Nächste Woche ändert sich ja das Dashboard oder es wird erweitert um 27 weitere Ebenen, um es uns zu erleichtern. Oder um den Dashboardern den Job zu retten …